Hofburg Batthyanystiege, 1010 Wien
Seitdem man von „Bürokratien“ spricht, kritisiert man sie als umständlich, anmaßend oder intransparent. Doch sind Verwaltungen nicht einfach ein Übel, dem es ein für allemal abzuhelfen gilt: Bürokratien stellen behördliche Instanzen dar, deren Bescheiden staatsweit Verbindlichkeit zukommt und deren Entscheidungen aufgrund einer besonderen Rationalität zustande kommen: auf Basis eines komplexen paperwork von Notizen, Protokollen oder Akten. Fordert man Reformen staatlicher Verwaltungen unter dem Banner von „Entbürokratisierung“, Verschlankung und höherer Effizienz, unterschlägt dies zumeist eins: Zur Kehrseite hat das Schrumpfen öffentlicher Administrationen fast immer die Proliferation ihrer Verwaltungsprozeduren über die staatlichen Grenzen hinaus. Derlei Verwaltungspraktiken, die vormals im hoheitlichen Auftrag noch Beamten übertragen waren, heute aber mehr und mehr in die Hände externer ‚Experten‘ und sich selbstverwaltender Bürger gelangen, bezeichnen wir als „Bürographien“. Ihre Verbreitung hat im Sozialen allgemein und im Privaten besonders zu einem Schub an Kontrolle und Mikromanagement geführt. Das WEAVE-Projekt, das die Verwaltungskulturen von Österreich, der Schweiz und der BRD untersucht, dreht sich also letztlich um ein Paradox: Die Zähmung „bürokratischer“ Routinen mündet in die Wucherung „bürographischer“ Verfahren auf politischer und technischer, alltäglicher und ästhetischer Ebene.
Unter diesen Vorzeichen widmet sich die Tagung vier Themenkomplexen, die zugleich die Schwerpunkte der einzelnen Teilprojekte der „Bürographien“ widerspiegeln und Phänomene im Zeitraum von 1900 bis 2000 – also von 100 Jahren Bürokratie – in den Blick nehmen.
Die Tagung ist in vier Sektionen gegliedert: Sektion 1 Verwaltungskultur. Stilistik des Akten- und Parteienverkehrs // Sektion 2 Organisationsforschung. Organisation als Systemebene der Gesellschaft // Sektion 3 Narrating the Office: Praxeologische und soziologische Perspektiven auf Büroromane // Sektion 4 Diskrete Informationsmaschinen: Geheimdienstliche Datenverarbeitung in der Schweiz.
10.00 Begrüßung und generelle Einführung
10.15 – 10.30 Sektionseinführung: Burkhardt Wolf
10.30 – 11.30 Christoph Bartmann (Hamburg, eh. Goethe-Institut): „Leben im Büro“ revisited. Nachbetrachtungen zu Bürokratie und Bürographie / Moderation: Burkhardt Wolf
12.00 – 13.00 Alexander R. Galloway (NYU): The Diagonal, An Organizational Technology / Moderation: Maximilian Scheffold
14.30 – 15.30 Niklaus Largier (University of California, Berkeley): Bureaugraphien der Seele: Die Formalistik des Begehrens bei Ignatius von Loyola, Krafft-Ebing, und Artaud / Moderation: Kira Kaufmann
15.30 – 16.30 Pascale Cancik (Universität Osnabrück): „Ein Kreis, aus dem man nicht herausspringt“? Die Schaffung von „Bürokratie“ durch Entbürokratisierung / Moderation: Burkhardt Wolf
17.00 – 17.15 Sektionseinführung: Maren Lehmann
17.15 – 18.15 Julian Müller (Universität Hamburg): Amt | Person | Mensch. Das Amt als Ressource und Zumutung
10.00 – 10.15 Sektionseinführung: Nicolas Pethes
10.15 – 11.15 Lisa Gitelman (NYU): Selling the Mailroom / Moderation: Nico Pethes
11.30 – 12.30 James Dorson (FU Berlin): The Office Novel in the Age of Projects / Moderation: Nicolas Pethes
14.00 – 15.00 Daniel Jenkin-Smith (University of Wales Trinity Saint David): The Nineteenth-Century Office Novel and the Problem of Agency / Moderation: Livia Kleinwächter
15.00 – 16.00 Juan S. Guse (KHM Köln): Alienating the alienated: Office workers in contemporary prose / Moderation: Livia Kleinwächter
16.30 – 17.30 Malika Maskarinec (Universität Bern): Paperless. Zur Überwindung der Migrationsverwaltung im Gegenwartsroman / Moderation: Livia Kleinwächter
10.00 – 10.15 Sektionseinführung: Markus Krajewski
10.15 – 11.15 Lucas Gisi (Université de Neuchâtel): Wie aus einer Fiche Literatur wird: Daniel de Roulets ‚Double‘ / Moderation: Markus Krajewski
11.30 – 12.30 Andrew Whelan (University of Wollongong): Antisocial machines: Entbürokratisierung under DOGE / Moderation: Eliseo Galli