BÜROGRAPHIEN

(Verwaltung nach dem Zeitalter der Bürokratie)

2024 bis 2027
Gefördert durch
FWFDFGSNF

Einleitung zum Projekt

Seitdem von „Bürokratien“ die Rede ist, kritisiert man staatliche Verwaltung als umständlich, anmaßend oder intransparent. Doch sind öffentliche Administrationen nicht einfach ein Übel, dem es abzuhelfen, ein Übergriff, den es abzuwehren gilt: Verwaltungen schaffen ihrem Auftrag nach zunächst einmal Rechtssicherheit. Sie stellen behördliche Instanzen dar, deren Bescheiden staatsweit Verbindlichkeit zukommt und deren Entscheidungen aufgrund einer besonderen Rationalität entstehen: auf Basis eines komplexen paperwork von Notizen oder Berichten, Protokollen oder Akten. Fordert man Reformen staatlicher Verwaltung unter dem Banner von „Entbürokratisierung“, von Verschlankung und höherer Effizienz, unterschlägt dies zumeist eins: Zur Kehrseite hat das Schrumpfen öffentlicher Bürokratien fast immer die Proliferation ihrer Verwaltungsprozeduren jenseits der Organisation. Derlei administrative Praktiken, die vormals im hoheitlichen Auftrag noch Beamten übertragen waren, heute aber mehr und mehr in die Hände sich selbstverwaltender Bürger gelangen, versteht das Projekt als „Bürographien“. Ihre Verbreitung hat im Sozialen und Privaten zu einem Schub an Kontrolle und Mikromanagement geführt, wie nicht erst die jüngste Demontage der US-amerikanischen Verwaltungsbehörden zeigt, die von der Installation privatwirtschaftlich betriebener, mit parabehördlicher Autorität ausgestatteter Unternehmen flankiert zu werden droht. Letztlich dreht sich das Projekt, das in historischer Perspektive die Verwaltungskulturen Österreichs, der Schweiz und der BRD untersucht, also um ein Paradox: Die Zähmung „bürokratischer“ Routinen mündet in die Wucherung „bürographischer“ Verfahren auf politischer, technischer und ästhetischer Ebene.

Subprojekte

Aktuelle Publikationen

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Kommende Events

24.–26. Juni 2026

Jura Soyfer Saal

Bürographien

Zur Archäologie der Verwaltung

Hofburg Batthyanystiege, 1010 Wien

Seitdem man von „Bürokratien“ spricht, kritisiert man sie als umständlich, anmaßend oder intransparent. Doch sind Verwaltungen nicht einfach ein Übel, dem es ein für allemal abzuhelfen gilt: Bürokratien stellen behördliche Instanzen dar, deren Bescheiden staatsweit Verbindlichkeit zukommt und deren Entscheidungen aufgrund einer besonderen Rationalität zustande kommen: auf Basis eines komplexen paperwork von Notizen, Protokollen oder Akten. Fordert man Reformen staatlicher Verwaltungen unter dem Banner von „Entbürokratisierung“, Verschlankung und höherer Effizienz, unterschlägt dies zumeist eins: Zur Kehrseite hat das Schrumpfen öffentlicher Administrationen fast immer die Proliferation ihrer Verwaltungsprozeduren über die staatlichen Grenzen hinaus. Derlei Verwaltungspraktiken, die vormals im hoheitlichen Auftrag noch Beamten übertragen waren, heute aber mehr und mehr in die Hände externer ‚Experten‘ und sich selbstverwaltender Bürger gelangen, bezeichnen wir als „Bürographien“. Ihre Verbreitung hat im Sozialen allgemein und im Privaten besonders zu einem Schub an Kontrolle und Mikromanagement geführt. Das WEAVE-Projekt, das die Verwaltungskulturen von Österreich, der Schweiz und der BRD untersucht, dreht sich also letztlich um ein Paradox: Die Zähmung „bürokratischer“ Routinen mündet in die Wucherung „bürographischer“ Verfahren auf politischer und technischer, alltäglicher und ästhetischer Ebene.

Unter diesen Vorzeichen widmet sich die Tagung vier Themenkomplexen, die zugleich die Schwerpunkte der einzelnen Teilprojekte der „Bürographien“ widerspiegeln und Phänomene im Zeitraum von 1900 bis 2000 – also von 100 Jahren Bürokratie – in den Blick nehmen.

Die Tagung ist in vier Sektionen gegliedert: Sektion 1 Verwaltungskultur. Stilistik des Akten- und Parteienverkehrs // Sektion 2 Organisationsforschung. Organisation als Systemebene der Gesellschaft // Sektion 3 Narrating the Office: Praxeologische und soziologische Perspektiven auf Büroromane // Sektion 4 Diskrete Informationsmaschinen: Geheimdienstliche Datenverarbeitung in der Schweiz.

Programm

Mittwoch, 24. Juni 2026

10.00 Begrüßung und generelle Einführung

Sektion 1. Verwaltungskultur: Stilistik des Akten- und Parteienverkehrs

10.15 – 10.30 Sektionseinführung: Burkhardt Wolf

10.30 – 11.30 Christoph Bartmann (Hamburg, eh. Goethe-Institut): „Leben im Büro“ revisited. Nachbetrachtungen zu Bürokratie und Bürographie / Moderation: Burkhardt Wolf

12.00 – 13.00 Alexander R. Galloway (NYU): The Diagonal, An Organizational Technology / Moderation: Maximilian Scheffold

14.30 – 15.30 Niklaus Largier (University of California, Berkeley): Bureaugraphien der Seele: Die Formalistik des Begehrens bei Ignatius von Loyola, Krafft-Ebing, und Artaud / Moderation: Kira Kaufmann

15.30 – 16.30 Pascale Cancik (Universität Osnabrück): „Ein Kreis, aus dem man nicht herausspringt“? Die Schaffung von „Bürokratie“ durch Entbürokratisierung / Moderation: Burkhardt Wolf

Sektion 2. Organisationsforschung: Organisation als Systemebene der Gesellschaft

17.00 – 17.15 Sektionseinführung: Maren Lehmann

17.15 – 18.15 Julian Müller (Universität Hamburg): Amt | Person | Mensch. Das Amt als Ressource und Zumutung

Donnerstag, 25. Juni 2026

Sektion 3. Narrating the Office: Praxeologische und soziologische Perspektiven auf Büroromane

10.00 – 10.15 Sektionseinführung: Nicolas Pethes

10.15 – 11.15 Lisa Gitelman (NYU): Selling the Mailroom / Moderation: Nico Pethes

11.30 – 12.30 James Dorson (FU Berlin): The Office Novel in the Age of Projects / Moderation: Nicolas Pethes

14.00 – 15.00 Daniel Jenkin-Smith (University of Wales Trinity Saint David): The Nineteenth-Century Office Novel and the Problem of Agency / Moderation: Livia Kleinwächter

15.00 – 16.00 Juan S. Guse (KHM Köln): Alienating the alienated: Office workers in contemporary prose / Moderation: Livia Kleinwächter

16.30 – 17.30 Malika Maskarinec (Universität Bern): Paperless. Zur Überwindung der Migrationsverwaltung im Gegenwartsroman / Moderation: Livia Kleinwächter

Freitag, 26. Juni 2026

Sektion 4. Diskrete Informationsmaschinen: Geheimdienstliche Datenverarbeitung in der Schweiz

10.00 – 10.15 Sektionseinführung: Markus Krajewski

10.15 – 11.15 Lucas Gisi (Université de Neuchâtel): Wie aus einer Fiche Literatur wird: Daniel de Roulets ‚Double‘ / Moderation: Markus Krajewski

11.30 – 12.30 Andrew Whelan (University of Wollongong): Antisocial machines: Entbürokratisierung under DOGE / Moderation: Eliseo Galli

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Kontakt

Universität Wien
Institut für Germanistik

Universitätsring 1

AT-1010 Wien


Prof. Dr. Burkhardt Wolf
Dr. Kira Kaufmann
Maximilian Scheffold MA
Universität Köln
Institut für deutsche Sprache und Literatur I

Neuere deutsche Literaturwissenschaft

Albertus-Magnus-Platz

D-50923 Köln

Prof. Dr. Nicolas Pethes

Dr. Livia Kleinwächter
Universität Basel
Philosophisch-Historische Fakultät

Departement Künste, Medien, Philosophie



Prof. Dr. Markus Krajewski

Eliseo Galli MA
Zeppelin Universität
Lehrstuhl für soziologische Theorie

Am Seemooser Horn 20

88045 Friedrichshafen | Bodensee

Prof. Dr. Maren Lehmann

Yannick Allgeier MA
Für generelle Anfragen und Informationen zum Projekt kontaktieren Sie bitte kira.kaufmann@unvie.ac.at