Die Tagung wird von der Universität Wien in wissenschaftlicher Kooperation mit der Universität Basel, der Universität Köln und der Zeppelin-Universität Friedrichshafen veranstaltet.Seitdem man von „Bürokratien“ spricht, kritisiert man sie als umständlich, anmaßend oder intransparent. Doch sind Verwaltungen nicht einfach ein Übel, dem es ein für allemal abzuhelfen gilt: Bürokratien stellen behördliche Instanzen dar, deren Bescheiden staatsweit Verbindlichkeit zukommt und deren Entscheidungen aufgrund einer besonderen Rationalität zustande kommen: auf Basis eines komplexen paperwork von Notizen, Protokollen oder Akten. Fordert man Reformen staatlicher Verwaltungen unter dem Banner von „Entbürokratisierung“, Verschlankung und höherer Effizienz, unterschlägt dies zumeist eins: Zur Kehrseite hat das Schrumpfen öffentlicher Administrationen fast immer die Proliferation ihrer Verwaltungsprozeduren über die staatlichen Grenzen hinaus. Derlei Verwaltungspraktiken, die vormals im hoheitlichen Auftrag noch Beamten übertragen waren, heute aber mehr und mehr in die Hände externer ‚Experten‘ und sich selbstverwaltender Bürger gelangen, bezeichnen wir als „Bürographien“. Ihre Verbreitung hat im Sozialen allgemein und im Privaten besonders zu einem Schub an Kontrolle und Mikromanagement geführt. Das WEAVE-Projekt, das die Verwaltungskulturen von Österreich, der Schweiz und der BRD untersucht, dreht sich also letztlich um ein Paradox: Die Zähmung „bürokratischer“ Routinen mündet in die Wucherung „bürographischer“ Verfahren auf politischer und technischer, alltäglicher und ästhetischer Ebene.Unter diesen Vorzeichen widmet sich die Tagung vier Themenkomplexen, die zugleich die Schwerpunkte der einzelnen Teilprojekte der „Bürographien“ widerspiegeln und Phänomene im Zeitraum von 1900 bis 2000 – also von 100 Jahren Bürokratie – in den Blick nehmen. Die Tagung ist in vier Sektionen gegliedert: Sektion 1 Verwaltungskultur. Stilistik des Akten- und Parteienverkehrs // Sektion 2 Organisationsforschung. Organisation als Systemebene der Gesellschaft // Sektion 3 Narrating the Office: Praxeologische und soziologische Perspektiven auf Büroromane // Sektion 4 Diskrete Informationsmaschinen: Geheimdienstliche Datenverarbeitung in der Schweiz.Programm Mittwoch, 24. Juni 2026 10.00 Begrüßung und generelle Einführung Sektion 1. Verwaltungskultur: Stilistik des Akten- und Parteienverkehrs 10.15 – 10.30 Sektionseinführung: Burkhardt Wolf 10.30 – 11.30 Christoph Bartmann (Hamburg, eh. Goethe-Institut): „Leben im Büro“ revisited. Nachbetrachtungen zu Bürokratie und Bürographie / Moderation: Burkhardt Wolf 12.00 – 13.00 Alexander R. Galloway (NYU): The Diagonal, An Organizational Technology / Moderation: Maximilian Scheffold 14.30 – 15.30 Niklaus Largier (University of California, Berkeley): Bureaugraphien der Seele: Die Formalistik des Begehrens bei Ignatius von Loyola, Krafft-Ebing, und Artaud / Moderation: Kira Kaufmann 15.30 – 16.30 - entfallen - Pascale Cancik (Universität Osnabrück): „Ein Kreis, aus dem man nicht herausspringt“? Die Schaffung von „Bürokratie“ durch Entbürokratisierung / Moderation: Burkhardt Wolf Sektion 2. Organisationsforschung: Organisation als Systemebene der Gesellschaft 17.00 – 17.15 Sektionseinführung: Maren Lehmann 17.15 – 18.15 Julian Müller (Universität Hamburg): Amt | Person | Mensch. Das Amt als Ressource und Zumutung / Moderation: Yannick Allgeier Donnerstag, 25. Juni 2026 Sektion 3. Narrating the Office: Praxeologische und soziologische Perspektiven auf Büroromane 10.00 – 10.15 Sektionseinführung: Nicolas Pethes 10.15 – 11.15 Lisa Gitelman (NYU): Selling the Mailroom / Moderation: Nico Pethes 11.30 – 12.30 James Dorson (FU Berlin): The Office Novel in the Age of Projects / Moderation: Nicolas Pethes 14.00 – 15.00 Daniel Jenkin-Smith (University of Wales Trinity Saint David): The Nineteenth-Century Office Novel and the Problem of Agency / Moderation: Livia Kleinwächter 15.00 – 16.00 Juan S. Guse (KHM Köln): Alienating the alienated: Office workers in contemporary prose / Moderation: Livia Kleinwächter 16.30 – 17.30 Malika Maskarinec (Universität Bern): Paperless: Immigration Bureaucracies of Contemporary Literature / Moderation: Markus Krajewski Freitag, 26. Juni 2026 Sektion 4. Diskrete Informationsmaschinen: Geheimdienstliche Datenverarbeitung in der Schweiz 10.00 – 10.15 Sektionseinführung: Markus Krajewski10.15 – 11.15 Lucas Gisi (Université de Neuchâtel): Wie aus einer Fiche Literatur wird: Daniel de Roulets ‚Double‘ / Moderation: Markus Krajewski 11.30 – 12.30 Andrew Whelan (University of Wollongong): Antisocial machines: Entbürokratisierung under DOGE / Moderation: Eliseo GalliUnter Diskussionsbeteiligung und Anwesenheit nationaler und internationaler Projektbeteiligter: Peter Plener, Austrian School of Government (Bundeskanzleramt) / Peter Becker, Universität Wien / Stephan Kurz, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Das WEAVE-Projekt „Bürographien“ (Wien, Basel, Friedrichshafen, Köln) fragt nach den Figurationen von Kultur-, Medien- und Schreibtechniken des Verwaltens, die sich im Rahmen der verschiedenen Umbrüche bürokratischer Ordnungen des 20. Jahrhunderts dies- und jenseits formaler Regeln sowie inner- und außerhalb konkreter Büromilieus beobachten lassen. Mit Blick auf die damit einhergehende Frage nach der Relaisfunktion bürokratischer Praktiken zwischen Verwaltungssystem und Umwelt rückt der Workshop eine bislang noch wenig beachtete Kategorie aus Niklas Luhmanns frühen organisationssoziologischen Arbeiten in den ins Zentrum: die „Grenzstellen“. Es wird danach gefragt, wie sich Organisationen an ihren Rändern selbst darstellen und ihre Umweltannahmen preisgeben müssen.
Der Workshop bildet eine Veranstaltung im Rahmen des WEAVE-Projekts „Bürographien. Verwaltung nach dem Zeitalter der Bürokratie“. Das Wiener Teilprojekt widmet sich der österreichischen Verwaltungskultur: dem administrativen Apparat, aber auch den persönlichen Netzwerken der ‚Bürokratie‘, wie sie vom Beginn bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts – von der Donaumonarchie über die Erste bis zur Zweiten Republik – etliche Transformationen durchlaufen hat. Hierzu konzentriert es sich auf die behördliche und außerbehördliche Funktion des Protokolls in seinem Doppelsinn von ‚Vorschrift‘ und ‚Mitschrift‘, von Verhaltensregulation und behördlicher Dokumentation; auf die Herausbildung eines protokollarischen Denkstils (man denke nur an die Protokollsatzdebatte im Wiener Kreis); insbesondere aber auf die Entstehung einer protokollarischen Schreibweise in der Literatur (von Kafka und Musil bis hin zu Albert Drach oder zur Wiener Gruppe).
Die Veranstaltung widmete sich als Lektüreworkshop den paradigmatischen Untersuchungen von Büro und Bürokratie der Nachkriegszeit. Werden diese in den 1950er-Jahren, etwa bei Theodor W. Adorno, Arnold Gehlen oder Günter Anders, als imperial expandierende Bedrohungen menschlicher Spontaneität gedeutet, so differenziert sich die Beobachtung ab den 1960ern insbesondere in Niklas Luhmanns Organisationsstudien, welche Optionen des Widerspruchs in der Verwaltung offenlegen. Gegenüber dem sozialwissenschaftlichen Zugriff konnten zeitgenössische literarische Darstellungen des Büroalltags, wie Vilma Links Vorzimmer (1979) oder Walter E. Richartz Büroroman (1976), blinde Flecken ausleuchten, an denen das Organisatorische an seine Grenzen kommt. Die literarische und die soziologische Betrachtung ergänzen sich so als Öffnungen für Komplexität und womöglich – so bleibt zu Fragen – auch als abstrahierende Modellierungen.