Das WEAVE-Projekt „Bürographien“ (Wien, Basel, Friedrichshafen, Köln) fragt nach den Figurationen von Kultur-, Medien- und Schreibtechniken des Verwaltens, die sich im Rahmen der verschiedenen Umbrüche bürokratischer Ordnungen des 20. Jahrhunderts dies- und jenseits formaler Regeln sowie inner- und außerhalb konkreter Büromilieus beobachten lassen. Mit Blick auf die damit einhergehende Frage nach der Relaisfunktion bürokratischer Praktiken zwischen Verwaltungssystem und Umwelt rückt der Workshop eine bislang noch wenig beachtete Kategorie aus Niklas Luhmanns frühen organisationssoziologischen Arbeiten in den ins Zentrum: die „Grenzstellen“. Es wird danach gefragt, wie sich Organisationen an ihren Rändern selbst darstellen und ihre Umweltannahmen preisgeben müssen.
Der Workshop bildet eine Veranstaltung im Rahmen des WEAVE-Projekts „Bürographien. Verwaltung nach dem Zeitalter der Bürokratie“. Das Wiener Teilprojekt widmet sich der österreichischen Verwaltungskultur: dem administrativen Apparat, aber auch den persönlichen Netzwerken der ‚Bürokratie‘, wie sie vom Beginn bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts – von der Donaumonarchie über die Erste bis zur Zweiten Republik – etliche Transformationen durchlaufen hat. Hierzu konzentriert es sich auf die behördliche und außerbehördliche Funktion des Protokolls in seinem Doppelsinn von ‚Vorschrift‘ und ‚Mitschrift‘, von Verhaltensregulation und behördlicher Dokumentation; auf die Herausbildung eines protokollarischen Denkstils (man denke nur an die Protokollsatzdebatte im Wiener Kreis); insbesondere aber auf die Entstehung einer protokollarischen Schreibweise in der Literatur (von Kafka und Musil bis hin zu Albert Drach oder zur Wiener Gruppe).
Die Veranstaltung widmete sich als Lektüreworkshop den paradigmatischen Untersuchungen von Büro und Bürokratie der Nachkriegszeit. Werden diese in den 1950er-Jahren, etwa bei Theodor W. Adorno, Arnold Gehlen oder Günter Anders, als imperial expandierende Bedrohungen menschlicher Spontaneität gedeutet, so differenziert sich die Beobachtung ab den 1960ern insbesondere in Niklas Luhmanns Organisationsstudien, welche Optionen des Widerspruchs in der Verwaltung offenlegen. Gegenüber dem sozialwissenschaftlichen Zugriff konnten zeitgenössische literarische Darstellungen des Büroalltags, wie Vilma Links Vorzimmer (1979) oder Walter E. Richartz Büroroman (1976), blinde Flecken ausleuchten, an denen das Organisatorische an seine Grenzen kommt. Die literarische und die soziologische Betrachtung ergänzen sich so als Öffnungen für Komplexität und womöglich – so bleibt zu Fragen – auch als abstrahierende Modellierungen.